„Denkst du, ich hätte ihnen von dieser Stimme erzählen sollen, die ich gehört habe?“
„Nein“, sagte Ron, ohne zu zögern. „Stimmen zu hören, die sonst keiner hören kann, ist auch in der Welt der Zauberer gar kein gutes Zeichen.“
(J.K. Rowling: Harry Potter und die Kammer des Schreckens)

Mein Dank gilt Franziska, der einzigen Person auf der Welt, die es schafft, mich zu fotografieren, ohne dass ich aussehe wie ein kompletter Idiot.
Wolfram: Setz dich, Autorin. Wir müssen ein paar Dinge über dich aufschreiben.
Autorin (zögernd): Jetzt? Aber ich muss doch noch…
W: Was diesmal? Den Geschirrspüler ausräumen, Staub wischen, die Fische füttern, deine Mutter anrufen?
A (seufzend): Hast ja Recht. Also. Was willst du aufschreiben?
W: Ein paar Klassiker zunächst, würde ich vorschlagen. Seit wann schreibst du?
A: Ähm… seit ich es kann? Mit Veröffentlichungsanspruch seit fünfzehn Jahren oder so.
W: Und warum? Was treibt dich dazu?
A: Keine Ahnung. Was raus muss, muss raus.
W: Wer sind deine literarischen Vorbilder?
A: Wen interessiert das denn?
W: Mich. Also?
A: Hm. Tolkien, jedenfalls. Ich meine, kann man Fantasy schreiben und nicht Tolkien als Vorbild haben? Er hat nicht nur ein paar Bücher geschrieben. Er hat ein Universum erschaffen, mit einer Vergangenheit und einer Geographie, und Sprachen, und mehr Details, als man sich vorstellen kann. Der Herr der Ringe war der erste Fantasyroman meines Lebens, und ich bin nie wieder in gleichem Maße in einen hinein gezogen worden, später. Obwohl ich auch mit Vergnügen den Drachenlanze-Zyklus gelesen habe, und Romane von Tad Williams.
W: Und Harry Potter, nicht zu vergessen.
A: Ja, den auch. Wobei Mrs. Rowling so anders arbeitet als ich, dass ich sie nicht zu meinen Vorbildern zählen würde.
W: Sonstige Einflüsse auf deine Arbeit?
A: Filme. Ich glaube manchmal, ich bin künstlerisch viel stärker durch das Kino geprägt als durch Bücher. Wenn du wissen willst, wie man eine Geschichte wirklich genial gut erzählt, schau dir „Zurück in die Zukunft“ an. Oder „Das Fünfte Element“. Oder „Ratatouille“. Oder…
W: Ich weiß, wie man eine Geschichte gut erzählt, vielen Dank.
A: Die Hauptfigur in „Ratatouille“, sieht aus wie du, übrigens. Nicht die Ratte! Der andere. Alfredo Linguini, der Küchenjunge. Wenn du rothaarig wärest.
W: Na, da bin ich aber froh.
A: Huh?
W: Dass ich nicht aussehe wie eine Ratte. Oder rothaarig bin. Meine große Nase reicht mir.
A: Du bist hübsch, trotz deiner großen Nase.
W: Wenn ich daran denke, dass du es in der Hand hattest… du hättest mir das Profil einer griechischen Statue geben können… und breite Schultern. Aber nein. Warum ist eigentlich Sindri der Schöne, nicht ich?
Sindri: Fiel da gerade mein Name?
W: Wir arbeiten. Möchtest du helfen?
S (entsetzt): Ich? Nein, ich muss noch, ähm, dringend…
W: Deine Mutter anrufen?
S: Das fehlte noch. Ich, ähm, geh mal mit den Fischen Gassi.
A: Untersteh dich.
W: Zurück zum Thema. Wie kamst du auf die Idee zum „Spielmannslied“?
A: Die Antwort wird dir nicht gefallen.
W: Raus damit.
A: Die eigentliche zentrale Figur ist Krona. Es gibt einen halben Roman, der sie zur Hauptperson hat: eine abgehalfterte, glücklose Söldnerin Ende Vierzig, die sich irgendwie so über Wasser hält. Als ich dann darüber nachdachte, einen Roman für einen Wettbewerb zu schreiben, kam mir die Idee, eine Geschichte darüber zu erzählen, wie aus dem trotzigen Küchenmädchen eine Soldatin wurde. So kam mir die Grundidee zum Spielmannslied. Zunächst hatte ich nur Krona, und Sindri, und die Idee, einen Drachen vor einer bösen Jungfrau retten zu wollen.
W: Hm… und wo war… ich?
A: Noch nicht vorgesehen.
W: Oh.
A (tröstend): Du wurdest schnell wichtig, als ich bemerkte, dass Krona-Sindri nicht funktioniert ohne ein ausgleichendes Element.
W: Wie schön. Ich bin ein ausgleichendes Element. Na großartig.
A: Immerhin, als ich euch drei hatte, war schnell klar, wer als einziger das Grips zum Erzähler hat.
W: Versuchst du, mich milde zu stimmen?
A: Ja, weil ich deinen Hundeblick nicht ertrage.
W: Meine einzige Waffe.
A: Immerhin bist du jetzt Hauptperson, und Titelheld, und Protagonist, und der zweite Roman ist ja schon gut gediehen.
W: Der, in dem du mich den Löwen zum Fraß vorwirfst.
A: Nicht alles verraten!
W: Dafür verrate ich noch, dass das „Spielmannslied“ bei besagtem Wettbewerb in die Endrunde kam. Der Wolfgang-Hohlbein-Preis des Verlages Ueberreuter. Warum haben wir nicht gewonnen?
A: Niemand hat gewonnen. Der Verlag hat das laufende Projekt kurz vor Schluss eingestampft.
W (seufzend): Wir waren so nah dran.
A: Haben wir jetzt genug Fragen?
W: Eine noch. Was wünschst du dir für die Zukunft?
A: Die Filmrechte gewinnbringend zu verticken. Und dann die Filmversion des „Spielmannsliedes“ zu erleben. Als Animationsfilm, in dem du aussiehst wie Alfredo Linguini.
W: Ich korrigiere mich. Was wünschst du dir für die Zukunft, wenn du gerade mal aus deinem Wolkenkuckucksheim runter in die Welt der Irdischen gestiegen bist?
A: Viele Leser für das „Spielmannslied“. Einen Achtungserfolg, der bei jenseits von dreihundert verkauften Exemplaren liegt.
W: Hört sich doch schon gleich viel besser an. Und wenn schon ein Film, dann bitte wenigstens Orlando Bloom. Wenigstens.
A: Was hast du nur immer? Hab ich dir einen Komplex geschrieben, oder was?
W: Ich bin eine eigenständige Person. Ich kann meine Komplexe auch selbst entwickeln.
A: Sind wir jetzt fertig?
W: Eine Frage noch. Welche Projekte stehen auf deiner Liste?
A: Den zweiten Spielmannsroman fertig schreiben…
W: Das ist der mit den Löwen…
A: Die hast du mir übel genommen, nicht wahr?
W: Ein bisschen. Was ist mit deinen anderen Projekten?
A: Danke, gut. Der Roman über Krona soll fertig werden, und dann ist da noch ein Jugendroman, ohne Fantasy, der nochmals überarbeitet werden will. Ich bin also ausgelastet bis Zweitausendelf.
W: Verehrte Autorin, ich danke für…
A: Ah! Telefon! Muss weg!
S: Wenn’s meine Mutter ist: Ich bin nicht da.
W: … dieses Gespräch.
S (gähnend): Mir ist langweilig, kleiner Wolf. Erzähl mir eine Geschichte.
W: Warte. Ich brauche noch eine Schlusszeile. Etwas wie… Die siebenunddreißigjährige Autorin lebt mit ihrem fünfjährigen Sohn und, bei letzter Zählung, fünfundsechzig Zierfischen…
S: … und diversen virtuellen Mitbewohnern… und einem virtuellen Huhn…
W: … im idyllischen Bamberg, wo sie als Lehrerin arbeitet. Aus, Ende, Äpfel! Ferinors Fiedel, war das zäh.
S: Und jetzt die Geschichte.
A: Sindri! Für dich. Deine Mutter.
S: Waaaaaaas!
A: War nur ein Scherz.
W (müde) Wo bin ich hier nur wieder reingeraten.