Gräfenberg – ein Dorf versinkt im Mittelalter…

 Und das ganz freiwillig!

Man muss wissen, dass die Gräfenberger ihr Historisches Bürgerfest erfunden haben, als die Kommerzidee „Mittelaltermarkt“ noch nicht einmal angedacht war. Seit 25 Jahren stürzt sich alle fünf Jahre das ganze Dorf ins Mittelalter. Geschichtliche Grundlage für das Fest ist die historische Figur des „Wirnt von Gravenberc“, eines Romandichters, der uns den epischen Versroman von Wigalois, dem Ritter mit dem Rade, hinterlassen hat (Entstehungsdatum wird auf den Beginn des 13. Jh. geschätzt). Regional lässt sich Wirnt ziemlich zweifelsfrei ins oberfränkische Gräfenberg verorten; dafür spricht sein „Dialekt“ im Wigalois und die Umgebung inklusive Ortsnamen, in die er die Handlung des Romans verlegt. Wirnt war vermutlich kein Hochadeliger, sondern ein sehr gebildeter Ministerialer, und die Gräfenberger dichten ihm eine historisch nicht belegte Hochzeit an, die sie alle fünf Jahre mit Begeisterung nachspielen.

Und ich meine tatsächlich, mit Begeisterung. Kein Shuttlebus-Fahrer, kein Ordnungshüter, kein Pizzaverkäufer oder Bühnentechniker, der nicht stilvoll in selbst genähte Gewänder gekleidet wäre. Monate vorher treffen sich die Damen von der Gewandschneiderei im ansässigen Haarsalon, der kurzerhand zur Nähstube umfunktioniert wird, und tüfteln, sticheln und sticken. Die Tanzgruppe übt mittelalterliche Tänze, der örtliche Kindergarten probt ein Ritterstück, und die freiwillige Feuerwehr trainiert für den Schaukampf mit Strohsäcken.

Natürlich geht es nicht ganz ohne die Unterstützung „von außen“, und so werden Handwerker, Darsteller und Musiker angeworben, um dem Fest zusätzlichen Glanz zu verleihen.

Zum ersten Mal in diesem Jahr war auch eine Vorleserin dabei, für die „leisen Töne“, und das war ich.

Obwohl ich gelegentlich ziemlich laute Töne von mir geben musste („Höret, edles Volk von Gräfenberg, ich fang jetzt an, und Ihr müsst da hinten dringend noch ein bisschen aufrücken, wenn Ihr was hören wollt, denn ich kann unmöglich den gesamten Kirchplatz beschallen!“).

Zu Gast während dieser zwei Tage und vier Kurzlesungen war ich bei den freundlichen Menschen von Draconis Custodis (www.draconis-custodis.de). Sie stellen Ranen dar, das ist ein slawisches Volk, das im Früh- und Hochmittelalter auf der Insel Rügen erst den Wikingern, dann den Normannen, und dann den Dänen getrotzt hat, und sie haben mich mit einer großzügigen, selbstverständlichen Freundlichkeit bei sich aufgenommen, die mich erst ganz sprachlos und dann ganz verlegen machte. Ich habe dann, glaube ich, gerade noch so den Punkt erwischt, an dem ich spätestens aufhören musste, mich zu bedanken und mich für meine Gegenwart zu entschuldigen, bevor sie ernsthaft wütend wurden.

Das sind die Ranen:


Nur der Zwerg mit der "Kettenhaube", der ist mein...

Ich konnte also zwischen den Lesungen ein bisschen am Lagerleben teilhaben, zusehen, wie Christen verspottet und reiche Bürger höflich nach Wegezoll gefragt wurden (das lange Schwert diente da höchstens als „Meinungsverstärker“), wie kleine Jungs andächtig dreinschauten, wenn sie mal einen echten Helm aufsetzen durften, und wie die Herren Ranen immer mal wieder schwer gerüstet aufeinander los gingen, zur eigenen Ertüchtigung und zur Freude des Publikums. Diesmal ist kein Blut geflossen; ich habe mir sagen lassen, das sei nicht immer so… Und schließlich durfte ich noch Schweinebraten nach dem Rezept des Ranen-Chefs Ronald essen, was denkwürdig lecker war. Man erinnere sich: „Du bist mein, ich bin Dein, edles Schwein, wir wollen immer zusammen sein…“

War der glücklich, der Spielmann. Nicht nur wegen des Schweines. Überhaupt.

Die Lesungen liefen insgesamt sehr gut und erbrachten sogar eine Anfrage für ein weiteres Engagement auf dem Sagenfest in Kammerstein (2010). Beweisbilder:


Ja, der Mann in Zivil hat eine Kamera. Ja, er ist vom Fernsehen. Welcher Sender? Wie soll ich mir das merken, während ich vor Aufregung beinahe meine eigene Zunge verschlucke?


Rechts im Bild die Autorin. Man beachte, links von ihr im Bild, den professionellen Werbeaufsteller...

Das Sauerkrautfass kam zum Vortrag, zweimal das Labyrinth unter Dalen, so etwas wie ein Publikumsliebling, und auch Regar Wertschatz durfte diesmal, wenn auch nur kurz, seine Vorstellungen vom fortschrittlichen Lebensmittelhandel präsentieren.

Mal sehen, weil es so gut lief, werde ich in Gräfenberg vielleicht noch einmal einen gemütlichen Abend lesender Weise verbringen. Die Planung beginnt gerade.