Der Prinz und die Mumbels
Eine Kürenberger Weihnachtsgeschichte
„Du stehst auf“, sagte Sindri.
„Nein“, sagte ich mit geschlossenen Augen. „Du stehst auf.“
„Nein, du.“
„Nein, du.“
„Aber ich bin gestern aufgestanden!“
„Da war es auch noch nicht so kalt.“
Ich spürte es auf meinem Gesicht. Der helle Morgen biss mich in die Wangen und hatte meine Nase in ein zerbrechliches Gebilde aus hauchdünnem Glas verwandelt, das bestimmt runterfallen würde, wenn ich zu heftig atmete.
Vom Hals abwärts war es einigermaßen warm. Wir hatten mehrere Wolldecken und sogar eine aus Fell über uns aufgeschichtet und waren unter dem Deckenberg enger zusammen gerückt, als es sich normalerweise mit Sitte und Anstand vertrug.
Ich überlegte, ob ich mein Gesicht unter den Decken aufwärmen konnte, aber ich ließ es. Wir alle hatten schon seit einer ganzen Weile nicht mehr gebadet.
„Los jetzt“, sagte Sindri. „Du bist dran.“
„Ich will nicht“, jammerte ich.
„Drei“, sagte Sindri. „Zwei. Eins.“
Er packte zu, und ich quiekte und schoss von unserem Lager hoch.
Wenn man einen halben Winter lang gemeinsam unter Decken schläft, lernt man, wo der andere kitzelig ist.
„Kalt!“, japste ich. „Kalt!“
Ich riss die oberste Decke von unserem Lager und wickelte mich hinein. Trotz doppelter Socken verwandelten sich meine Füße auf dem durchgefrorenen Steinboden augenblicklich in Eisblöcke.
Während ich mich hinüber zur Feuerstelle zitterte und mich beeilte, einen Holzstoß aufzuschichten, bevor meine Finger gefühllos wurden, gähnte Sindri und räkelte sich unter dem Deckenberg.
„Blöd, dass ihr keine Bediensteten habt“, sagte er. „Bei uns zuhause machen die das immer. Ich hab noch nie gefroren, morgens.“
Ich knüllte Stroh zu einem Ballen und bemühte mich, mit Feuerstein und Eisen einen Funken zu erzeugen. Meine Fingerspitzen schmerzten vor Kälte.
„Ob es wieder geschneit hat?“, fragte Sindri.
„Keine Ahnung“, zitterte ich. „Sieh nach.“
„Später“, sagte Sindri träge. „Wenn es warm ist.“
Endlich tat mir das Stroh den Gefallen und fing Feuer. Ich stopfte es in ein Reisigbündel und stieß es in den Holzstoß. Es qualmte, und dann leckten die ersten Flammenzungen am Holz. Dankbar hielt ich meine Hände dagegen.
Reisig wurde schon wieder alle. Jemand musste hinaus in den Schuppen, wo die Vorräte auch schon schwanden. Wenn der Winter so weitermachte, würden wir im Frühling in einer baumlosen Ebene wohnen.
„Wie schön wäre das, wenn wir liegen bleiben könnten, bis es warm ist“, sagte Sindri.
„Tja“, sagte ich. „Einen trifft es immer.“
Meine Nase taute auf. Es tat so weh, dass ich mir wünschte, sie wäre mir vorhin abgefallen.
„Man müsste eine Methode erfinden, vom Bett aus Feuer zu machen“, sagte Sindri.
Wir hatten es anfangs versucht und unser Lager direkt vor der Feuerstelle errichtet. Unglücklicherweise befand die sich an einer Außenwand, und es war so bitterkalt gewesen, dass wir an eine Innenwand umgezogen waren und das morgendliche Aufstehen in der Kälte als das geringere Übel angesehen hatte. Vor allem, wenn der jeweils andere aufstand.
„Dann lass dir sehr lange Arme wachsen“, schlug ich vor.
„Ich könnte einen brennenden Pfeil von hier aus in die Feuerstelle schießen“, schlug er vor.
„Nein, danke“, sagte ich. „Ich mag dieses Haus. Es ist das einzige, das wir haben. Ich will nicht, dass du es abbrennst.“
„Das habe ich nicht vor“, murrte er eingeschnappt.
Ich seufzte und rappelte mich auf. Ich war sowieso schon wach und kalt. Ich konnte genauso gut noch drüben im Wohnraum Feuer machen, wo mein Vater und meine Schwestern auf der Empore schliefen.
Unter der Küchentür kam mir Elisabetha entgegen gehüpft, ihre Lumpenpuppe fest im Würgegriff.
„Ich muss aufs Klooo“, jammerte sie. „Und es ist so kaaalt!“
Ich gab ihr den Topf und erlaubte ihr, im Wohnraum zu bleiben.
„Nicht gucken“, forderte sie, ehe sie sich niederließ.
„Ist gut“, sagte ich. „Ich mache warm. Dauert nur einen klitzekleinen Moment.“
„Du bist ein Schatz“, kam Agnes’ verschlafene Stimme von oben.
„Schon gut“, sagte ich. „Fröhliche Winterwende.“
„Fröhliche Winterwende, Großer.“
Das Feuer brannte. Ich versuchte, ein Fenster zu öffnen, um einen Blick nach draußen zu werfen, doch die mit geöltem Leder bespannten Holzrahmen waren fest gefroren und bewegten sich kein bisschen. Das bisschen Licht, das herein kam, war aber hell und golden und ließ hoffen, dass der ewige Schnee aufgehört hatte und die Sonne schien.
Langsam wurde es warm, und ein Familienmitglied nach dem anderen kroch vom Lager und fand sich bibbernd vor der Feuerstelle ein. Nur mein Vater fehlte.
„Er ist schon früh los“, sagte Agnes. „Es war noch fast dunkel. Ich denke, er ist jagen.“
„Alle Götter“, sagte Leonore. „Wir werden doch wohl heute kein Fleisch essen?“
Ich durfte nicht darüber nachdenken. Hätte man mich mit einem abgezogenen Hasen alleine in einem Raum gelassen, ich hätte ihn am Stück verschlungen und mich nicht mit irgendwelchen Zubereitungsformen aufgehalten.
„Nicht den Bären aufteilen, ehe er erlegt ist“, wies Agnes uns an. „Lasst mich erst Frühstück machen. Es sei denn, unser hochwohlgeborener Gast hat das inzwischen übernommen?“
„Darauf würde ich nicht wetten“, sagte ich.
Tatsächlich war der Hochwohlgeborene inzwischen wieder eingeschlafen. Wenig gerührt von seiner engelsgleichen Schönheit, dem friedlichen Gesicht und den sanft geröteten Wangen traktierte Agnes ihn mit den Füßen, bis er knurrend wach wurde und als letzter der Familie seine Schlafstatt verließ.
Langsam machte Feststimmung sich breit. Mathilda und Judith holten die teuren Bienenwachskerzen heraus und schmückten den Tisch mit Zweigen voll roter Vogelbeeren, und Agnes gab einen verschwenderisch großen Löffel Butter an den Frühstücksbrei. Mein Huhn, das es sich nicht nehmen ließ, auf einem kleinen Strohlager neben meinem Kopfkissen zu nächtigen, gackerte stolz und plusterte sich auf doppelte Größe auf. Sie hatte ein hübsches braunes Ei gelegt, und ich lobte sie ausgiebig, bevor wir das Ergebnis ihrer Bemühungen in unseren Frühstücksbrei schlugen.
„Wann gibt’s Geschenke?“, fragte Sindri, der am Küchentisch kauerte und den Wasserkessel über dem Feuer fixierte.
„Heute Abend“, sagte Agnes. „Wenn es dunkel ist.“
„Das dauert ja noch ewig“, murrte Sindri.
„Du musst dich eben gedulden“, sagte Elisabetha mit der ganzen Weisheit ihrer acht Lebensjahre. „Geduld ist eine Tugend.“
Sindri seufzte. Agnes grinste in ihren Topf.
„Wer sagt denn, dass wir dir überhaupt etwas schenken“, sagte sie. „Vielleicht warst du ja nicht brav.“
„Ich kriege etwas, oder?“, fragte Elisabetha aufgeregt. „Ich war brav, oder?“
„Vorbildlich“, sagte ich und nahm sie auf den Schoß, damit ihre kleinen Füße vom kalten Boden kamen. „Natürlich bekommst du Geschenke.“
„Und Sindri?“, fragte sie mich. „War der auch brav?“
„Sagen wir, er hat getan, was in seiner Macht stand“, sagte ich diplomatisch.
„Ich gebe dir von meinen Geschenken ab, wenn du nichts kriegst“, bot sie ihm an. „Du sollst nicht traurig sein.“
„Bin ich nicht“, sagte Sindri, und beinahe hätte ich ihm geglaubt. „Danke, Süße. Das ist so lieb von dir.“
Beim Frühstück sprachen wir den Rest des Tages durch. Wir sehnten uns alle nach einem heißen Bad und beschlossen, zur Feier des Tages so viel Holz zu schleppen und zu zerkleinern, dass auch der letzte in der Reihe noch warmes, sauberes Wasser vorfinden würde. Bei acht Personen würde die Unternehmung den halben Tag dauern.
„Jemand muss noch mal mit der Kiepe in den Wald“, sagte Agnes. „Das Kleinholz wird nur noch für Baden oder kochen oder heizen reichen. Ich dachte, die Herren übernehmen das.“
„Also gut“, sagte ich ergeben. „Was sein muss, muss sein. Sindri? Lass uns gleich nach dem Frühstück aufbrechen, solange es nicht schneit. Sindri?“
„Hmh?“, machte er abgelenkt. „Ja, ja. Was immer du willst.“
„Hier riecht’s angebrannt“, sagte Judith.
„Vielleicht ist ein bisschen von dem Brei ins Feuer getropft“, sagte Agnes. „Soll ich später Brot backen?“
„Jaaa“, sagte Elisabetha sehnsüchtig. „Und Kuchen.“
„Apfelkuchen“, schlug ich vor. „Die Lageräpfel sind sowieso nicht besonders, dieses Jahr. Ein paar sind schon verdorben.“
„Apfelkuchen“, wiederholte Elisabetha andächtig.
„Leute“, sagte Judith. „Das Brot brennt.“
Jetzt sah auch ich den dünnen Rauchfaden, der aus dem Brotkorb mit den trockenen Resten des letzten Backtages stieg. Dünnes, scharfes Raucharoma stieg mir in die Nase. Dann schrieen die jüngeren Mädchen erschrocken auf, als eine spannenlange, dünne Flamme aus dem Brotkorb schlug. Ich sprang auf und löschte das Feuer mit meinem Tee.
„Was war das denn“, sagte Agnes verblüfft.
Ich sah Sindri an.
„Huch“, sagte Sindri. „Ähm… tut mir Leid.“
„Wie bereits erwähnt“, sagte ich. „Ich mag dieses Haus. Es ist das einzige, das wir haben.“
„Mach dir nicht ins Hemd“, sagte er. „Ich hab’ das alles im Griff.“
„So gut, dass sich in deiner Gegenwart der Brotkorb spontan selbst entzündet? Mach das nicht mit dem Dachstuhl, ich bitte dich.“
„Langsam verstehe ich, warum man die Zauberer registriert und sorgfältig ausbildet“, sagte Agnes. „Das ist ja gemeingefährlich.“
Sindri schwieg und stocherte verdrossen in der Breischüssel.
„Ich nehme ihn mit raus“, sagte ich und stand auf. „Er braucht Bewegung. Sein Pferd auch, wie es sich trifft. Es kann das Holz tragen.“
„Nur über meine Leiche wird mein Pferd solch niedrige Arbeit verrichten“, sagte Sindri automatisch.
„Gut“, sagte ich. „Dann schnall dir das Holz selbst auf den Rücken.“
oooOOOooo
„Jetzt komm schon“, sagte Sindri.
„Nein“, sagte ich. „Ich trau’ mich nicht.“
„Angsthase“, sagte Sindri. „Er ist ganz sanft, wirklich.“
Ich hielt inne. Ich steckte bis zu den Schenkeln im Schnee. Meine Füße, vorhin so sorgfältig aufgetaut, waren schon wieder Eisklumpen, dafür rann mir jetzt der Schweiß den Rücken hinunter. Sindri streckte mir vom Rücken des Silbergrauen die Hand entgegen.
„Er hasst mich“, sagte ich. „Er wird mich so abwerfen, dass ich mir das Genick breche.“
„Quatsch“, sagte Sindri. „Er liebt dich, er kann es nur nicht so richtig zeigen. So wie ich.“
Ich zögerte. Wir hatten den Waldrand noch nicht einmal erreicht, und ich hatte schon genug von unserem Ausflug.
Wenn das Schimmelbiest mich abwarf, würde ich wenigstens weich fallen.
Ich packte Sindris Hand, nahm den Steigbügel zu Hilfe und kletterte unbeholfen in den Sattel.
Vermutlich, weil er mich liebte, es nur nicht richtig zeigen konnte, begnügte der Silbergraue sich damit, mich auf dem Weg nach oben heftig zu treten.
Der Wald empfing uns wie eine verzauberte Halle. Die Baumsäulen trugen ein weißes, gewölbtes Dach. Hauchdünne, eisige Schleier schwebten im eisigen Windhauch von den schweren Zweigen. Mit ausholenden Bewegungen arbeitete der Silbergraue sich durch den Schnee, Sein Schnauben war das einzige Geräusch in der stillen, weißen Welt.
Sindri ritt entspannt, eine behandschuhte Hand am Zügel, die andere locker auf dem Oberschenkel. Sein langes Haar quoll unter der Kapuze hervor. Schneekristalle hatten sich darin verfangen und glitzerten wie Sterne am Nachthimmel.
Ich bemerkte, dass er den Weg hinauf zur Burg einschlug, aber ich sagte nichts. Wir waren schon einige Male oben gewesen, allein schon, um nach dem Rechten zu sehen, und das alte Gemäuer schien sich zu Sindris Lieblingsplatz zu entwickeln.
„Das ist alles, was ihr an Winterwende macht?“, fragte Sindri irgendwann. „Baden, Brot backen, zusammen essen? Geht ihr nicht einmal in den Tempel?“
„Du weißt, wir haben es nicht so mit der Religion“, erklärte ich. „Und wir baden auch während des Jahres. Ziemlich regelmäßig sogar.“
„Wir gehen jedes Jahr zum Tempel“, sagte Sindri und lenkte den Silbergrauen um einen umgestürzten Baum herum. „Ein Gottesdienst für Arathron. Mein Vater hat den Tempel bauen lassen. Alle Dorfbewohner und alle von der Burg sind verpflichtet, zum Gottesdienst zu erscheinen.“
„Und zählt ihr auch immer schön durch, ob auch keiner schwänzt?“
Er schüttelte die Kapuze ab und sah mich über die Schulter an.
„Entschuldige“, sagte ich, „aber Religion ist doch Privatsache. Selbst wenn wir ein Dorf hätten, kämen wir nicht auf die Idee, den Leuten vorzuschreiben, was sie an Winterwende machen.“
„Mein Vater sagt, wegen Leuten wie euch zerfällt das Reich.“
„Ich glaube kaum, dass dein Vater jemals ein ernsthaftes Wort mit Leuten wie uns gewechselt hat.“
Sindri schwieg. Ich spürte seine Anspannung. Sie saß wie ein harter Klumpen zwischen seinen Schulterblättern, obwohl er sein Bestes tat, sich nichts anmerken zu lassen.
„Am Tag nach Winterwende halten wir Hof“, sagte er nach einer Weile. „Wir bestellen Musikanten und verteilen Geschenke. Mein Vater erneuert Lehensversprechen. Die alten Soldaten bekommen ihre Abfindung. Lauter solche Sachen. Die ganze Burg riecht nach Essen, und überall ist Musik, und Leute in schönen Kleidern.“
„Klingt wundervoll“, sagte ich, obwohl meine Sehnsucht nach einem solchen Leben sich in Grenzen hielt. Ich hatte die reichen Adeligen früher immer beneidet, aber seit ich Sindri kannte, wusste ich, dass man für alles bezahlen muss, selbst für Reichtum.
„Ja“, sagte er. „Winterwende war immer großartig. Wir hatten alle so viel zu tun, dass wir für ein paar Tage glatt vergaßen, wie sehr wir uns eigentlich hassen.“
Ich bemühte mich nicht um eine Antwort. Ich hatte schon längst gelernt, dass bei Sindri mit schalen Trostworten nichts zu machen war. Ich legte meine behandschuhte Hand auf seinen Rücken, zwischen die Schulterblätter, und er schwieg und lehnte sich dagegen.
Unter der schweren Schneedecke sah die Kürenburg beinahe aus wie früher: die kaputten Dächer blieben unter dicken Mützen verborgen, und Schneewehen legten einen gnädigen Mantel um die maroden Gemäuer.
„Warte“, sagte ich, als Sindri den Hengst über die schmale Brücke in die Innenburg lenken wollte (oder was von ihr noch übrig war). „Wir gehen lieber zu Fuß. Ich weiß nicht, ob die Brücke das Pferd noch aushält.“
Wir stiegen ab, und aus lauter Liebe biss der Hengst auch nur ein einziges Mal herzhaft in meinen Mantelärmel. Sindri warf die Zügel über einen Busch und befahl dem Hengst, stehen zu bleiben. Der Hengst ließ die Ohren in der dichten Mähne verschwinden und starrte seinen Herrn hinterhältig an.
„Was willst du eigentlich hier oben?“, fragte ich, während ich Sindri über die Brücke in die Innenburg folgte.
„Keine Ahnung“, sagte er. „Mal ein bisschen rauskommen, vielleicht. Dem Himmel nah sein. Es ist ja wie in einer Höhle, in eurem miefigen Gutshaus.“
„Eine Höhle mit einem dichten Dach“, machte ich ihn aufmerksam. „Du hast ja keine Ahnung, wie nahe du dem Himmel in unserem alten Wohnturm sein kannst. Du kannst ihn nämlich direkt vom Bett aus sehen, und wenn es nachts regnet, sparst du dir morgens eine Wäsche.“
Er gab keine Antwort und stapfte zwischen dem alten Backhaus und der seit Jahren verlassenen Schmiede zu dem kleinen Alrune-Schrein, den meine Mutter vor vielen Jahren hier hatte errichten lassen. Er wischte die dicke Schneeschicht ab, kramte in seiner Manteltasche und legte einige hübsche, abgerundete Kiesel auf den verwitterten Stein. Er schien in Gedanken versunken, und ich ließ ihn. Mein Blick lag auf der vertrauten Linie aus verschneiten Bäumen und Felsen, die sich auf der anderen Talseite wie ein Gemälde vom durchsichtigen blauen Himmel abhob. Es war immer noch merkwürdig, diesen Anblick nicht jeden Morgen nach dem Aufstehen zu haben.
„Besonders nett war es, wenn sie Familien mit heiratsfähigen Töchtern einluden“, sagte er, und ein perfekt aufgesetztes, versonnenes Lächeln spielte über seine Lippen. „Reiche, mächtige Familien, versteht sich, die mindestens einen Sitz im Kronrat hatten. Oh, wie sie mich herausputzten. All das Kämmen und Flechten und Schmücken, die schönen Kleider, die Ringe und Ketten… als hätte ich das nötig, aber ich mochte es trotzdem. Ich mochte es, wenn sie sich so… kümmerten. Und ich mochte die Mädchen. Du würdest nicht glauben, wie so eine edle Maid rangeht, wenn sie sich Hoffnungen aufs Heiraten macht.“
„Und ich schätze, du hast dich nicht gerade in vornehmer Zurückhaltung geübt.“
„Nein, wieso? Es muss doch einen Grund geben, warum man Winterwende das Fest der Liebe nennt.“
„Damit ist nicht das gemeint, was du mit den Maiden gemacht hast.“
Er hob die Schultern.
„Es hat sowieso im letzten Jahr nicht mehr funktioniert. Eines der Mädels hat bei ihren Eltern geheult, weil ich sie dann doch nicht geheiratet habe. Von da ab haben meine Eltern dafür gesorgt, dass ich mit den Kandidatinnen nicht mehr alleine gelassen werde.“
„Oh, wie hinterhältig und gemein. Und so überhaupt gar nicht nachvollziehbar.“
„Finde ich auch. Gibt es übrigens einen Grund, warum du mich nicht mit deinen Schwestern alleine lässt?“
„Nö. Reiner Zufall.“
„Agnes ist eine Kratzbürste. Judith, die könnte mir gefallen.“
„Judith ist dreizehn.“
„Aber frühreif.“
„Lass die Finger von meinen Schwestern, wenn du weißt, was gut für dich ist.“
Sindri seufzte theatralisch.
„Zumindest diesen Teil der Festlichkeiten werde ich vermissen.“
Wir blieben noch eine Weile auf der Burg. Wir sammelten Reisig und Zweige, weil das ja der eigentliche Zweck des Ausfluges war, warfen Schneebälle über die Mauerkrone in den darunter liegenden Wald und erschreckten uns zu Tode, als wir dabei einen Schwarm Krähen aufstörten, die krächzend und mit lautem Flügelschlag das Weite suchten. Irgendwie entglitt mir dann die Situation, und ich fand mich inmitten einer nach allen Regeln der Kunst ausgetragenen Schneeballschlacht wieder.
Wir einigten uns erst auf ein Unentschieden, als wir mit Schnee überzogen waren wie ein Apfelküchlein mit Zucker. Keuchend lehnten wir an der Nordmauer und versuchten, den Schnee loszuwerden, bevor er uns unter den Kleidern schmolz.
„Trotzdem“, sagte ich, ehe ich entschieden hatte, ob es klug war. „Ich hätte gerne die Gelegenheit, deine Familie kennen zu lernen.“
„Aber warum?“, fragte er erstaunt.
„Ich weiß nicht“, sagte ich. „Vielleicht einfach, um zu sehen, wer diese Leute sind, mit denen du dein bisheriges Leben verbracht hast. Du erzählst von ihnen, aber mir fehlt immer ein Teil der Geschichte.“
„Ich will nicht, dass du sie jemals kennen lernst“, sagte er. „Du würdest sie hassen. Und ich will nicht, dass es etwas an mir gibt, das du hasst.“
Ich sah ihn an. Ich fragte mich, ob ich jemals etwas an ihm hassen konnte.
Zugegeben, gelegentlich war ich nah dran. Er war egoistisch, arrogant und manchmal herzlos und dumm auf eine Art, die mich sprachlos machte. Aber er war es auch, der einen ganz anderen Wolfram in mir zum Vorschein brachte: einen, der sich leicht und unbeschwert anfühlte, der den Augenblick genießen konnte, ohne sich ständig Sorgen um die Zukunft zu machen, und der sich im Schnee wälzte, um einen Mauervorsprung zu halten, obwohl er wusste, dass er es auf dem gesamten Weg zurück ins Tal bereuen würde.
„Komm“, sagte ich. „Lass uns zurück reiten. Wenn du möchtest, flechte ich dir deine Haare, und du darfst mit Judith schäkern. Ohne Anfassen. Wenn du sie anfasst, muss ich dich leider umbringen.“
„Das ist ein Wort“, sagte er und schüttelte Schnee aus seiner Kapuze. „Das machen wir. Obwohl es mich ja erstaunt, zu hören, dass du flechten kannst.“
„Ein Mann mit fünf Schwestern hat viele Talente.“
Wir nahmen das gesammelte Reisig mit und gingen, um den Silbergrauen abzuholen – nur, dass der nicht mehr da war. Eine frische Hufspur führte durch den tiefen Schnee hinunter ins Tal.
„Er ist eben nicht dazu gemacht, Holz zu schleppen“, sagte Sindri ungerührt.
Wir waren es auch nicht, aber der Unterschied war: Wir taten es trotzdem.
oooOOOooo
Drei oder vier Stunden später war ich mit Baden dran und konnte endlich die feuchten Kleider, die Tannennadeln, winzigen Zweiglein und Krümel von Waldboden los werden. Man sollte meinen, eine Schneeballschlacht am Tag sei genug, aber wer hätte auch gedacht, dass in einem Schneeball aus dem Wald so viel Kleinzeug steckt, das sich weigert, zu schmelzen.
Es war himmlisch. Die Küche war warm und angefüllt mit dem Duft von frischem Brot. Ich hätte sofort im Zuber einschlafen können, hätte Elisabetha nicht beschlossen, mir den Aufenthalt im Bad mit einer Geschichte zu verkürzen.
„… und da traf das kleine Mädchen im Wald einen Mumbel. Weißt du, was ein Mumbel ist?“
„Mmh“, murmelte ich mit halb geschlossenen Augen und wurde zur Strafe in den Arm gekniffen.
„Du sollst zuhören“, sagte sie mit milder Ungeduld.
„Huh?“, sagte ich und riss die Augen auf. „Tu ich doch. Also, was ist ein Mumbit?“
„Ein Mumbel. Sie leben im Wald, in kleinen Höhlen. Sie sehen ein bisschen aus wie Igel, aber sie sind ganz weich, und es gibt sie in allen Regenbogenfarben. Und sie duften. Rosa Mumbel nach Himbeeren, braune nach frischem Brot, gelbe nach Honig…“
„Hübsch.“
„Grüne nach Gras. Blaue nach… nach…“
„Himmel?“, schlug ich vor.
„Nein.“ Sie zog die Nase kraus. „Himmel riecht doch nicht. Blaue Mumbel riechen nach Wurst.“
Wir hatten noch nicht abschließend geklärt, ob ein braun-blau karierter Mumbel dann nach Wurstbrot roch, als ein markerschütternder Knall uns in die Höhe jagte. Das Gutshaus stöhnte in seinen Fundamenten. Jahrhundertealter Staub rieselte aus dem Gebälk. Elisabetha sah mich mit riesigen Augen an und begann zu weinen.
So schnell wie ich war noch nie ein Mensch zuvor aus dem Zuber, in ein Handtuch gewickelt und durch die Tür nach draußen verschwunden.
Im Vorraum traf ich auf Leonore, die geisterhaft blass aussah.
„Was ist passiert?“, fragten wir uns gleichzeitig.
Elisabetha war mir schluchzend gefolgt, und ich streckte die Hand nach ihr aus und zog sie an mich.
„Jetzt kommt ein Drache und brennt uns alles nieder“, jammerte sie.
„Quatsch“, sagte ich. „Drachen knallen nicht.“
„Aber dein Freund“, schnaubte Agnes, die von draußen herein kam und einen Schwall kalter Luft mitbrachte, der meine nasse Haut mit einer dünnen Eisschicht überzog. „Dein Freund hat einen Knall! Und du, mein Bester, hör auf, der Kleinen Schauergeschichten zu erzählen! Du verdirbst sie.“
Ich spähte an ihr vorbei aus der Tür. Draußen im Hof brannte qualmend ein Strohhaufen. Sindri stand daneben, Ruß im Gesicht, offenbar in Gedanken versunken.
„Was ich dir über das Haus gesagt habe, gilt auch für den Stall!“, rief ich laut.
„Lass mich doch mal arbeiten und geh mir nicht auf die Nerven“, sagte er über die Schulter.
„So sieht es also aus, wenn er arbeitet“, lästerte Agnes, fuhr dann einen spitzen Finger aus und bohrte ihn in meine Brust.
„Wenn er etwas kaputt macht, bist du schuld. Du hast ihn mitgebracht.“
„Ist gut“, sagte ich fügsam.
„Vielleicht sagst du ihm, er soll aufhören mit dieser wie auch immer gearteten Arbeit“, sagte sie.
„Sag du es ihm“, sagte ich. „Auf dich hört er. Er hat Angst vor dir.“
„Und das sollte er besser auch“, schnaubte sie. „Himmel, Wolfram, du bist klapperdünn. Sind wir wirklich so arm?“
„Ich bin immer so dünn. Ich sehe nur dicker aus, wenn der Dreck an mir klebt.“
Sie rollte mit den Augen und verschwand im Wohnraum. Leonore und ich lugten durch den Türspalt auf den Hof, wo Sindri den brennenden Strohhaufen umkreiste.
„Warum tut er das?“, fragte Leonore. „Und was tut er überhaupt?“
„Ich weiß es nicht, auf die erste Frage“, sagte ich, „und keine Ahnung, auf die zweite. Manchmal will man es auch einfach nicht so genau wissen.“
„Meinst du, er zündet uns wirklich den Stall an?“
„Ställe anzünden macht alles nur noch schlimmer“, sagte ich. „Das könnte er im Sommer gelernt haben.“
„Mal sehen“, sagte Leonore. „Ich behalte ihn im Auge. Geh fertig baden.“
Ich tat, wie mir geheißen, und streifte mir danach meine Festtagsrobe über. Sie hatte schon so manchen Festtag gesehen, und einen Gutteil davon vermutlich, noch bevor ich überhaupt auf der Welt gewesen war, aber ich mochte das weiche, braune, etwas fadenscheinige Kleidungsstück, hauptsächlich aus sentimentalen Gründen.
Im Laufe des Nachmittags gab Sindri seine Versuche mit leicht entflammbaren Materialien auf, nicht zuletzt weil ihn Agnes in ihrer liebenswerten Art zum Eimerschleppen abkommandierte. Er ließ sich ein wenig darüber aus, dass er es nicht gewöhnt sei, sei eigenes Badewasser herzurichten, aber Agnes versicherte ihm, die Gewöhnung ginge ganz schnell, und er fügte sich mit Gewittermiene.
Während Sindri noch badete, kam mein Vater nach Hause. Er war völlig durchgefroren, trug aber einen viel versprechend dicken Sack auf dem Rücken.
„Kein Glück auf der Jagd“, berichtete er und ließ sich müde auf einen Stuhl fallen, den ich ihm hinschob. „Und alle Fallen leer. Aber dann war ich noch beim Müller, und beim Waldbauern, wegen der Gebietsbereinigung, und der Waldbauer hat mir das hier mitgegeben.“
Er zeigte auf den Sack. Judith und Leonore schossen darauf zu, gerade dass sie es vermieden, sich die Köpfe zusammen zu schlagen.
Es war Brot in dem Sack, eine Schnur voller getrockneter Apfel- und Birnenscheiben und ein geräucherter Schinken.
„Schinken“, seufzte Judith sehnsüchtig.
„Ich hole ein Messer“, sagte Leonore und sprang auf.
„Nichts gibt’s“, sagte Agnes und nahm den Schinken an sich. „Ihr werdet aufs Abendessen warten, wie alle anderen.“
„Hier habe ich noch etwas“, sagte mein Vater und griff in die Jackentasche.
„Süßigkeiten“, jauchzte Elisabetha.
„Nein“, sagte mein Vater. „Hier, Wolfram. Ein Brief für dich. Wurde im Dorf abgegeben, nachdem der Bote oben auf der Burg niemanden vorgefunden hat.“
Bass erstaunt nahm ich das verknitterte, schief gefaltete Schriftstück an mich. Es war auf billigem, grobem Papier verfasst, und ich erkannte die unbeholfene Schrift sofort.
Ich brach das Siegel und entfaltete das Papier mit fliegenden Fingern.
Liber Wolfram
Na wie gets? Alles aufrecht?
Wünsch dir und deiner Familje schöne Winterwende. Las es dir gut gen.
Is Sindri bei dir? Gip im einen Trit von mir einen liben.
Mir get es gut. Hab schon eine erste belobigung.
Vermisse euch beide. Hoffe euch irgendtwan wieder zu sen.
Alles libe
Krona
Ich gab ein ersticktes Seufzen von mir und drückte den Brief an die Brust.
„Es ist ein Liebesbrief“, sagte Leonore. „Schaut mal, wie er grinst.“
„Von wem ist er denn?“, erkundigte sich Agnes. „Ist sie eine gute Partie?“
„Es ist kein Liebesbrief“, musste ich meine Schwestern enttäuschen. „Er ist von Krona.“
„Krona, die Kriegerin aus deinem Sommer-Abenteuer?“
„Genau.“
„Und ich dachte beinahe, du hättest sie dir ausgedacht“, sagte Agnes beeindruckt, aber da war ich schon unter der Tür, auf dem Weg hinüber in die Küche.
Sindri war halb angezogen und drückte sich gerade das Wasser aus den Haaren.
„Rate, von wem der ist“, sagte ich und hielt ihm den Brief unter die Nase. Er schielte gehorsam.
„Keine Ahnung“, sagte er. „Die Schrift erinnert mich an Krona, aber sie wird uns ja wohl kaum schreiben, oder?“
„Hat sie doch“, sagte ich triumphierend. „Und nur, weil ich es ihr beigebracht habe!“
Aber da hatte er mir das Papier schon aus den Fingern gerissen, faltete es auf und überflog den Inhalt.
„Unfassbar“, sagte er. „Sie muss einen halben Tag daran gesessen sein.“
Ich nickte stolz.
„Schön“, sagte Sindri und gab mir den Brief zurück. „Sie ist glücklich. Umso besser, denn immerhin hat sie mich dafür aufgegeben.“
„Und wie viele Monate noch ins Land gehen müssen, bis dein gekränkter Stolz sich von diesem Schlag erholt hat.“
„Ich weiß nicht“, sagte er und blieb mir überraschend die launige Erwiderung schuldig. „Ich warte auch schon drauf.“
Ich legte ihm die Hand auf den Rücken. Er wandte sich zu mir und schlang die Arme um mich.
„Du bist der einzige Mensch, der mir geblieben ist“, sagte er. „Du versuchst nicht, mich umzubringen, und du verlässt mich nicht wegen einer lächerlichen Karriere beim Militär. Das tust du doch nicht, oder?“
„Keine Sorge“, sagte ich. „Diese Beine sind nicht zum Marschieren gemacht. Zum Wandern, höchstens, und dabei lasse ich mich gerne begleiten.“
„So schnell kann es gehen“, sagte Sindri und seufzte gegen meinen Hals. „Vom begehrtesten Junggesellen des Reiches zum Begleiter eines Spielmannes in weniger als Jahresfrist.“
„Ich hatte gerade begonnen, eine Welle der Zuneigung und des Mitleids für dich zu empfinden. Mach es einfach nicht kaputt.“
„Huh?“
„Halt den Mund und lass dich bemitleiden.“
„Oh. Ist gut.“
Wohltuendes Schweigen, für etwa ein Dutzend Atemzüge, während derer ich sachte Sindris Rücken streichelte.
Manchmal war es anstrengend: sein offensichtliches Bemühen, das ganze Maß an liebevoller Zuwendung nachzuholen, das ihm in den letzten siebzehn Jahren gefehlt hatte. Aber dann war es auch wiederum nicht viel anders, als hätte man einen jungen Hund.
Bis auf den Unterschied, dass junge Hunde sich keine Frisuren wünschten.
„Willst du mir wirklich die Haare flechten?“, fragte er mich.
Ich seufzte.
„Ich habe es versprochen, oder?“
„Ja. Und dass ich mit Judith schäkern darf.“
„Diese Erlaubnis ziehe ich zurück. Sie ist sowieso schon viel zu beeindruckt von dir.“
„Tatsächlich?“
„Ja. Als du in Zuber warst, schickte sie sich an, heimlich durch die Küchentür zu spähen.“
„Was für eine unziemliche Maid.“
„Genau.“
„Es könnte dir schlimmeres geschehen, als mich zum Schwager zu bekommen, oder?“
„Du hast mir selbst erzählt, dass du die Auserwählten hernach nicht heiratest.“
„Ich könnte eine Ausnahme machen.“
„Nein, danke. Ich brauche reiche Männer für meine Schwestern. Wir wollen irgendwann mal in der Lage sein, die Burg zu reparieren.“
„Das ist dein Ernst? Du würdest deine Schwestern an Männer verkaufen, nur weil die reich sind?“
„Himmel, Sindri, sind meine Scherze wirklich so schwer zu erkennen, oder stellst du dich nur besonders dämlich an?“
„Deine Scherze sind schuld.“
„Wer hätte das nur gedacht.“
„Ich hole den Kamm, ja?“
„Ja. Mach.“
Eines musste man ihm lassen: Er trug seine etwas schiefe, reichlich mädchenhafte Kürenberger-Standard-Flechtfrisur mit königlicher Würde.
oooOOOooo
Spät am Abend, beinahe schon mitten in der Nacht, ließ ich mich erschöpft, aber glücklich auf mein Lager fallen. Ich hatte so gut gegessen wie schon lange nicht mehr und hatte mich liebevoll beschenken lassen: eine selbst gestrickte und mit Kaninchenfell gefütterte Mütze und Handschuhe, die mir auch noch passen würden, wenn mir eine böse Hexe einmal zu Tellerhufen statt meiner Hände verhelfen würde, ein Wurstring ganz allein für mich (zumindest offiziell) und ein Arm voll formloser, runder Gebilde aus Stoff- und Wollresten (Mumbels), die zu Elisabethas Bedauern nicht nach unterschiedlichen Leckereien, sondern nur nach dem Inneren unserer Kleidertruhe rochen.
Nur Sindri hatte sich nicht am allgemeinen Schenken beteiligt, aber ich hatte auch nicht ernsthaft erwartet, von ihm ein Geschenk zu bekommen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Tradition der liebevollen kleinen Geschenke am Hof der Winterfelder gepflegt wurde, also wusste er es vielleicht nicht besser.
Ich knautschte einen Mumbel zwischen den Händen. Vielleicht konnte ich ja lernen, mit ihnen zu jonglieren. Neben mir rührte Sindri in seinen Decken herum.
„Schläfst du?“, fragte er mich.
„Noch nicht“, murmelte ich. „Aber gleich.“
„Warte noch“, sagte er. „Du musst noch mein Geschenk bekommen.“
„Huh?“
„Man schenkt sich etwas, zu Winterwende, wenn man sich liebt, oder?“
„Ja, aber ich dache nicht… ach, egal. Zeig mal. Was ist es denn?“
„Pass auf.“
Er richtete sich auf den Ellenbogen und zielte über meine Schulter.
„Feuer.“
„Aaaah!“
Ein dünner Strahl grün glitzernder Energie schoss aus seinen Fingerspitzen, haarscharf an meiner Schulter vorbei und schlug in der Feuerstelle ein. Der Holzstoß dort fing augenblicklich Feuer.
„Unglaublich“, sagte ich staunend.
„Jetzt musst du nie wieder morgens aufstehen und frieren“, erklärte er stolz.
„Danke“, sagte ich gerührt. „Das ist ein wunderschönes Geschenk.“
„Ich weiß“, sagte Sindri glücklich.
Dass es auf unserem Lager deutlich nach verschmorten Haaren roch, verschwieg ich ihm. Man soll nicht kleinlich sein, und außerdem hatte ich ja auch eine neue Mütze bekommen.